Mittwoch, 31. Juli 2013

Der Aufbruch zum Sommerfest - Kapitel III


Was bisher geschah, kann im Kapitel I und Kapitel II nachgelesen werden!


Galaktische Rettung?

Währenddessen auf einem Acker bei Alsfeld.
“Hier muss es sein. Wo sind nur alle?”
Detlef war gerade angekommen und suchte verzweifelt nach dem Festgelände.
“Haaaaaalloooo! Ist hier jemand? Ben, Jo! Wo seid ihr denn alle? Aber das muss doch hier sein. Das ist doch genau der Platz den Ben beschrieben hat. Wo sind die bloß? Bin ich zu früh oder fällt es doch aus. Mir sagt ja keiner was. Selbst im Forum redet niemand mit mir.”
Er ließ den Kopf hängen und wollte gerade wieder gehen, als am anderen Ende des Kartoffelackers zwei weitere Personen auftauchten und langsam näher kamen. Als sie nah genug heran waren, erkannte er eine Frau und einen Mann.
“Hallo Johanne. Gott sei Dank. Ich dachte schon es kommt keiner mehr. Wer ist denn der Herr an deiner Seite?”
“Hallo Detlef. Schön dich zu sehen. Das ist der Frank. Ich habe ihn mitgebracht zur Unterhaltung. Er singt so schöne Lieder. Weißt du die gehen so nahe. Wundervoll.”
Sie fing an zu schwärmen und Frank lächelte beschämt.
“Frank sing doch mal was für uns!”, forderte Johanne ihn auf. Dieser nahm sofort Haltung an, nahm seine Gitarre und fing an zu singen: “...mit Rudolf Hess ist uns ein Held geboren...”
Erst hörten sie ihm kurz zu, unterhielten sich dann aber weiter.
“Meinst du nicht, dass der irgendwie rechts ist?”, fragte Detlef und Johanne antwortete: “Neiiiiin, denkst du? Neeee, der singt doch nur schöne Lieder.”
“Ja aber Hess war doch Nazi.”
“Keine Ahnung. Der singt doch, dass der geboren wurde. Vielleicht ist das ja auch sein Enkel, oder so. Heißen bestimmt nur zufällig gleich. Manchmal singt er auch von einem Adolf. Das wird sicher sein Opa sein. Oder kennst du vielleicht einen Adolf der Nazi war?”
“Ähm...” Detlef war sich nicht sicher.
“Ist ja auch egal.”, meinte Johanne schließlich. “Was soll das immer mit rechts und links, vorne und hinten, oben und unten. Wir lassen uns doch nicht in Schubladen stecken!”
“Ja, wenn du das so siehst.”

Zur gleichen Zeit fuhr eine kleine Gruppe von Motorrädern mit lauten Knattern über die die deutsche Autobahn. Eigentlich nichts ungewöhnliches, sah man aber genauer hin, erkannte man auf den Jacken der Rocker vor dem Wort “Angel” ein Sück Panzertape, auf dem mit Tipp-Ex “arch” geschrieben stand. Stefan und Medi waren als Sozius und Sozia mit von der Partie und Medi rief ständig lautstark: “Juhu. Alsfeld, wir kommen!” Sie winkte dabei so stark mit ihren Armen, dass der Fahrer Mühe hatte sein Gefährt unter Kontrolle zu behalten. Stefan hingegen war ein ruhiger Beifahrer. Er klammerte sich fest an seinen Vordermann und machte seine Atemübungen.

Kaum hatte Jo das Telefongespräch mit dem obersten königlichen Souverän beendet und voller Stolz seinen Freunden Erfolg gemeldet, ertönte ein leises Grummeln, welches immer lauter wurde. Ein Pfeifen und Donnern gesellte sich dazu. Eine riesige Flugscheibe flog über den Köpfen der Vier hinweg und setzte unsanft auf der Wiese genau vor unseren Helden auf.
“Jo, hol die Kamera raus. Wir schreiben Geschichte. Jetzt können wir es diesen ganzen Skeptikern zeigen.”, Micha war begeistert und hüpfte wie wild umher.
“Mist! Die liegt im Auto.”
“Mensch Jo! Was bist denn du für ein Journalist. Wir als Aufklärer, als die, die die Wahrheit kennen und furchtlos weiterverbreiten, müssen immer gerüstet sein. Die Kamera muss eins mit dir sein, sie ist ein Teil von dir. Die kannst du doch nicht so einfach liegen lassen. Hast du vielleicht eine Ahnung, wie viele Klicks uns das auf YouTube gebracht hätte!?”, schimpfte Micha und Jo fragte kurz: “Na und wo ist denn dann deine Kamera?”
“Ähmm... das tut hier gar nichts zur Sache. Du wolltest das Ganze journalistisch begleiten! Ich hab schon die Beschlüsse beigesteuert. Wird Zeit, dass du auch mal was dazu beiträgst.”
“Nu streitet euch doch nicht!”, forderte Jonathan der Barde die Zwei auf. “Was sollen denn die Besucher von uns denken? Lasst Sie uns begrüßen!”
Er holte aus seinem Rucksack die Klappukulele raus und fing an zu singen: “Nanana”
Ben und Jo stimmten mit ein und winkten mit kleinen Papierfähnchen. Die waren von der letzten WM noch übrig und wurden in akribischer Handarbeit vom Stil gerissen und mit Klebeband verkehrt herum wieder angeklebt. Teilweise lösten sie sich aber bereits wieder. Micha stand daneben, schüttelte wieder nur mit dem Kopf und fragte sich: “Warum treffen sich die Außerirdischen immer nur mit den Idioten?”
Er sah es als besonderen Glücksfall an, dass er nunmehr dabei sein konnte und ergriff die Initiative. Der singende und winkende Begrüßungstrupp stimmte gerade die zweite Strophe an. Micha trat nach vorn, hob die Hand, spreizte die Finger zum vulkanischen Gruß auseinander und rief: “Willkommen, meine galaktischen Freunde. Ich bin der Michael, außenpolitischer Sprecher von Gold Rot Schwarz, dem Deutschlandprojekt und vertrete die Menschheit. Solltet ihr friedselig sein, nehme ich gern die vielen Gastgeschenke als Vertreter der Erde an. Solltet ihr feindselig sein und Menschen zum Sezieren suchen, dann habe ich da drei Gastgeschenke für euch.” Dabei zeigte er hinter sich auf das noch immer singende Trio.
Plötzlich öffnete sich eine kleine Luke. Jo, Jonathan der Barde und Ben verstummten. Alle blickten gespannt das UFO an. Mit lautem Zischen vernebelte weißer Rauch den Blick ins Innere. Ein helles Licht blendete die Vier. Ein schattenhaftes Wesen erschien in der Öffnung und kam langsam näher.
“Ich bin Lord Stultissimus, ehemaliger oberster Kabalenjäger und Sprecher des sauberen Stammtisches Ganymed. Seid gegrüßt, ihr merkwürdigen Gestalten.”
“Euch schickt sicher der Schöpfer, uns zu helfen.” Jo ergriff das Wort. “Der Peter ist echt gut. Der hat den lieben Gott sicher in seiner Kurzwahlliste.”
“Welscher Pet’r?”, lallte es plötzlich hinter Stultissimus und Lord Ebriosus schwankte mit einer Flasche 'IW Hlq aus dem Raumschiff. “Etwa Pet’r der Große? Dann saaahg ihm, er schuldet mir noch ne Revanche beim Wodka-Wetttrinken. Isch ...hicks... haaab jetzt viel strainiert.”
“Vielleicht solltest du dein Training in deine Freizeit verlegen und nicht gerade, wenn du im Einsatz unsere Flugscheibe steuerst.”, ermahnte ihn Stultissimus.
“Was kann ich dafür, ...hicks... dass die nicht mehr ordentlich die Flugbahnmarkierungen sprühen. Siiihssst alles ...hicks... nur blau.”
Früher war es einfacher für die GFdL ihre Scheiben auf der Erde zu fliegen. Die Flugbahnmarkierungen wurden regelmäßig aufgefrischt. Doch seit ein gewisser Dominik ständig Beschwerde beim galaktischen  hohen Riesenrad einlegte und sämtliche untergeordneten Behörden der galaktischen Verwaltung zuspamt, wurde diese, der Sicherheit dienenden Maßnahme, erheblich zurückgefahren. Immer wenn gerade wieder eine Markierung erneuert wird, beantragt Dominik eine neue einstweilige Verfügung und es darf bis zur Entscheidung des Rates nicht gesprüht werden. Die Erde wird seitdem wegen der Unfallgefahr von den meisten galaktischen Touristen gemieden, so dass Transmedialreisen CoKGdL arg in Bedrängnis geriet und aufgrund des Umsatzeinbruchs zu drastischen Sparmaßnahmen greifen musste. So wurde zum Beispiel im letzten Winter das Licht bis auf die Notbeleuchtung abgeschaltet. Das gab es das letzte Mal vor 43 Jahren.
“Aber ihr seid schon hier, um uns zu retten?”, fragte Jo nochmals vorsichtig an.
“Wir jemanden retten?”, eine weibliche Stimme ertönte aus dem inneren der Scheibe und kurze Zeit später erschien ein sehr gut ausgestattetes weibliches Wesen. Mit ihren schier endlos wirkenden Beinen, einer stattlichen Oberweite und in einer Uniform, die - wohl aus Sparzwang - nur das Nötigste verdeckte, trat sie vor die vier Erdlinge.
“Wir sind schon froh, wenn wir uns selber über den Tag retten. Oh Entschuldigung, ich habe mich ja noch gar nicht vorgestellt. Lady Nada mein Name. Stellvertretende Stammtischsprecherin, galaktische Frauenbeauftragte dL und Kindermädchen für die beiden Hohlerden hier.”
Ben fiel die Kinnlade herunter und ein großer Sabbertropfen suchte sich seinen Weg nach unten. Er ging auf Nada zu, nahm ihre Hand, küsste diese und sprach: “Benjamin. Es ist mir eine Ehre. Du darfst Ben zu mir sagen!”
“Im Ernst.” Nada verzog ein wenig das Gesicht.
“Ich handle mit Gold. Hab jede Menge davon. Darf ich dir diese Goldkette schenken.”
Er reichte ihr ein Stück Papier und aufgrund ihres verwirrten Blickes erklärte er weiter: “Physisch lagert die Kette in der Schweiz im Gotthardmassiv, aber mit dem Zertifikat ist sie nun dein. Naja, Glied für Glied. Jeden Monat kommt ein neues hinzu. Ein Sparkette eben.”
Er streckte ihr das Zertifikat zu, doch Nada wiegelte ab.
“Du willst mich mit Gold beeindrucken. Daraus machen wir bei uns Blei. Für alles Andere ist das nicht zu gebrauchen. Mich beeindruckt man mit Spiritualität, mit Magie...”
“Magie? Oh das kann ich. In mir steckt ein wahrer Zauberer.”, sagte Ben stolz und kramte in seiner Taschen.
“Ahso ein Zsauberer ...hicks... st’ckt in dir. Hascht du Merlin zu Frühstück gfressen?”, fragte Ebriosus ihn. “Jetzt wissen wir ...hicks... wenigst’ns wo der g’blieben is.”
Ben schaute Ebriosus kurz an, wendete sich dann aber wieder an Nada, hielt einen Stapel Karten in der Hand und sagte: “Zieh irgendeine Karte! Aber nicht verraten welche!”
Sie tat aber nicht dergleichen und schenkte Ben nicht weiter Beachtung, sondern drehte sich zu Stultissimus und sagte: “Übrigens hat Mr. Snowden die Bruchlandung ganz gut überstanden. Wenigstens etwas Positives.”
“Snowden? Edward Snowden? Hier?”, Micha freute sich. “Unsere galaktischen Brüder und Schwestern retten ihn vor den Schergen der Vereinigten Staaten und gewähren ihm Asyl.”
“Asyl? Retten?”, Stultissimus schüttelte mit dem Kopf. “Wir bringen ihn nach Ganymed zum GSA . Er soll verhört werden.”
“Aber er ist ein Held. Er hat die Praktiken des totalitären Überwachungsstaates offengelegt.” Jo verstand die Welt nicht mehr.
“Na und? Meinst du, dass interessiert uns. Unser oberster Boss ist Gott. Der sieht alles, der hört alles, der weiß alles. Wenn einer für absolute Überwachung steht, dann doch wohl er oder?”
“Ja aber, die haben da auch alles aufgezeichnet und gespeichert. Unsere ganzen Emails und Telefonate. All das, was wir bei Facebook eingestellt haben, aber keiner wissen soll.”, sagte Jo und auch Ben war entrüstet. “Während ich viel Geld für die ganzen telefonischen Wurzelchakra-Öffnungen ausgeben musste, konnten die dort kostenlos mithören. Ich fordere Gerechtigkeit und Schadensersatz.”
Stultissimus, Ebriosus und Nada zuckten nur mit den Schultern und Nada meinte darauf: “Wenn ihr so ein Problem damit habt, warum versucht ihr dann ständig in der Akasha-Chronik zu lesen? Dieser gigantische Datenspeicher enthält doch wohl alles was war, was ist und was sein wird. Dagegen ist Prism ein Bilderbuch für Babys. Ich habe aber noch keinen von euch fordern hören ‘Stopp Akasha’.”
“Und warum wollt ihr ihn dann verhören?”, fragte Jo.
“Der Boss will wissen, was Snowden bzw. Prism über ihn weiß.”, antwortete Stultissimus.
“Ja aber...”, meldete sich, der bis dahin schweigende, Jonathan der Barde zu Wort. “...aber wenn doch Gott alles weiß, dann...”
“Sag mal mein Junge...”, Nada wurde leicht zornig. “Kommst du mir etwa mit Logik. Was bist du denn für ein esoterischer Freigeist?”
“Entschuldigung. Hab nicht nachgedacht.”
“Nachdenken? Jetzt will er auch noch nachdenken. Wer ist dieser Mensch eigentlich?”
Als Jo, Ben und Micha die wütende Nada so sahen, machten sie einen Schritt zur Seite und entfernten sich schnell von Jonathan den Barden. Jo sprach: “Keine Ahnung, wer das ist.”
Und Micha fuhr fort: “Eigentlich kennen wir den gar nicht. Er stand plötzlich bei uns auf der Bühne und hat Nanana gesungen.”
Ben stimmte dem zu. “Ja genau. Er gehört garantiert nicht zu uns. Wir denken nie nach, sondern plappern einfach nur nach.”
Jonathan dem Barden rutschte das erste Mal in seinem Leben das breite Grinsen aus dem Gesicht.
“Nu lass ihn doch...hicks... der singt doch so cheen.” Ebriosus umarmte Jonathan den Barden, “Bischt mei Guter...hicks...” und fing an zu singen “Ein bischen Liebe, ein bischen Lischt, doch ist’s zu dunkel, isch find mich nisch.”
Jonathan der Barde war ganz froh darüber, dass Ebriosus ihn vor der wildgewordenen Nada beschützte und beide standen singend in tiefer Umarmung da.

“Könnt ihr uns nach Alsfeld bringen? Das ist doch sicher nur ein kleiner Hüpfer mit der Flugscheibe.”, fragte Jo.
“Tut mir leid. Wir haben einen Auftrag zu erfüllen und keine Zeit dafür. Wir müssen noch heute Mr. Snowden nach Ganymed bringen.”, antwortete Stultissimus.
“Tja, das wird wohl nix werden.”, meinte daraufhin Nada. “Der Skalarantrieb ist im Arsch. Wir können nur noch mit Mikrowelle fliegen.”
“Damit kommen wir ja nicht mal bis zu den Mondnazis. Sonst hätten wir zu FTG (Flugscheiben-Teile-Göring) fliegen können.” Stultissimus überlegte. “Seit die Vril-Gesellschaft nicht mehr existiert und Neuschwabenland zugefroren ist, gibt es keine Flugscheiben-Meisterwerkstatt auf der Erde mehr. Das ist jetzt ein irgendwie blöd.”
“Könnt ihr nicht um Hilfe channeln?“, fragte Micha.
“Neiiin!”, antwortete Nada erschrocken und Stultissimus erklärte weiter: “Wir laufen auf Bewährung. Wenn wir diesen Auftrag wieder versauen, dann werden wir in die Minen auf Rura Penthe geschickt.”
“Oh, das ist nicht schön. Bergbau ist körperlich sehr anstrengend.” Micha hatte Mitleid.
“Nein. Da wird schon lange kein Bergbau mehr betrieben. Anstrengend ist es trotzdem. Da ist die Zentrale von “Wünsch-Dir-Was-Vom-Universum”. Da musst du ständig die vielen Bitten der Esoteriker schreddern. Frag nicht, was da so täglich ankommt. Da will ich echt nicht hin. Wir müssen hier unbedingt jemanden finden, der sich mit Skalarantrieben auskennt. Doch wer sollte das schon sein? Hier auf der Erde?”

Fortsetzung folgt... und zwar genau hier!

Montag, 29. Juli 2013

Der Aufbruch zum Sommerfest - Kapitel II

Was bisher geschah, kann hier nachgelesen werden!

Getrennte Wege

Irgendwo auf einem Parkplatz an einer deutschen Autobahn stehen 6 lustige Gestalten und schauen betröpfelt ihrem Gefährt hinterher, welches eben den Parkplatz verließ und zwar am Hagen Haken eines Abschleppers.
“Und nun?”, fragte Micha, “Kann ich nach Hause fahren? Das hat sich ja jetzt erledigt.”
“Wir lassen uns doch davon nicht einschüchtern.”, antwortete Jo ganz aufgeregt und drohte mit der Faust dem hinter dem Abschlepper wegfahrenden Polizeiwagen. “Ihr werdet es schon noch erkennen. Wir sind das Volk, der Aufbruch, GRS … wenn wir erstmal das Sagen haben, dann werdet ihr... ja dann werdet ihr...”
“Jo du hyperventilierst ja. Ruhig, ganz ruhig.”
Ben fechelte mit dem Berg Knöllchen, welche er kurz zuvor von den Beamten erhalten hat, Jo Luft zu.
“Und wer hat uns das ganze eingebrockt?”, fragte Micha und sah dabei Jonathan den Barden an. Der war sich aber keinerlei Schuld bewusst und sagte nur: "Darf ich euch einladen aus der Rechtfertigung rauszukommen. Ihr braucht mir nicht zu danken, sondern dankt euch selber." Er griff zur Gitarre. Doch gerade als er mit seinem “Nanana” anfangen wollte, entriss Micha ihm das Instrument und schleuderte es im hohen Bogen weg. Ungünstigerweise traf die Gitarre den Seitenspiegel eines der Motorräder einer kleinen Rockergang, die gerade Rast machten. Mit lautem Klirren zerschellte der Spiegel. Die ganze Gruppe, in Leder gekleideter grimmig schauender Männer, drehte sich zu den 6 Aufbrüchlern um.

Urplötzlich verstummten alle Geräusche und Stimmen. Selbst der Wind hörte auf zu wehen. Menschen flüchteten  in ihre Fahrzeuge und verließen schnell den Parkplatz. Ein Kind weinte im Hintergrund. Irgendwer spielte “Das Lied vom Tod” auf der Mundharmonika. Langsam setzten sich die Rocker in Richtung von Micha und den anderen in Bewegung. Die Hände waren zu Fäusten geballt, die Gesichter ebenso.
“Upps!”, meinte Ben, “Vielleicht sollten wir versuchen wegzulaufen?”
Medi war da aber anderer Ansicht.
“Ach wieso denn? Mit denen kann man sicher darüber reden. Schaut mal! Auf den Jacken steht sogar irgendwas mit Angel. Das sind sicher sehr spirituell eingestellte Menschen. Das ist ein Zeichen. Es entwickelt sich alles zu unseren Gunsten.”
Während Micha, Jo, Ben und Jonathan der Barde schrittweise zurückwichen, Stefan nicht so recht wusste, was er tun solle, machte Medi einen Schritt nach vorn und winkte den immer noch langsam herankommenden Rockern zu.
“Hallo Jungs. Das hat der Micha nicht mit Absicht gemacht. Ist ja nur ein Spiegel, den braucht man doch eigentlich gar nicht. Der Jo hat in seinem Studio auch keinen. Deswegen ist es da immer so schwer sich die Haare zu machen vor dem Interview bei bewusst.tv.”
“Medi, lass uns weglaufen. Das sieht nicht gut aus. Die wollen sicher nicht über Frisuren reden.” Stefan versuchte Medi wegzuziehen.
“Ach was, vielleicht können die uns ja auch ein Stückchen mitnehmen.”
“Also ich hau ab.”, sagte Ben, “Mit den KB-Gold-Kunden konnte man auch nicht reden und die sahen weitaus harmloser aus, als die Typen da.”
Sprach es und lief fort. Jo, Micha und Jonathan der Barde folgten ihm. Medi blieb still stehen und Stefan versuchte sie immer noch wegzuzerren.  Die Rocker erhöhten ebenfalls ihr Tempo und fingen mit lautem Geschrei an zu rennen.
“Immer dieses männliche Prinzip, sich die Nasen blutig hauen zu müssen. Folgt doch dem weiblichen Prinzip! Reden! Reden, reden, reden! Und das den ganzen Tag. Einfach nur reden. Vollkommen egal über was. Das Thema legen wir einfach hinterher fest.”
“Medi, sei nicht albern! Nun komm schon! Die wollen nicht reden.” Stefan war am Verzweifeln. Er versuchte mit speziellen Atemtechniken den aufkommenden Stress wegzuatmen. “Angst ist nicht gesund ... hechel ... Angst ist nicht gut … hechel...einatmen, ausatmen...tief einatmen...langsam ausatmen.”
Es sah aus, als ob er die Angreifer wegpusten wollte, was natürlich nicht funktionierte. Sie erreichten die Beiden, stoppten und bildeten eine Kreis in dessen Mitte Medi und der immer noch heftig atmende Stefan standen. Ein großer, kräftiger Mann, der wohl der Anführer zu sein schien und dessen Spiegel es war, der zu Bruch ging, ergriff das Wort.
“Sooooo! Fangt schon mal an zu beten.”
“Siehst du, Stefan, dass sind gläubige Menschen. Ich hab es doch gewusst. Lasst uns doch zusammen beten... ‘Ich bedanke mich für die getrennte Zeit’...”
Doch wurde sie mit einem lauten “Halt den Mund!” unterbrochen. Kurz vom Mut übermannt, blickte Stefan hinter Medi vor und sagte mit leicht piepsender Stimme
“Moment. I...I...Ihr wollt doch keine schwangere Frau schlagen...hechel...” Stefan atmete immer noch sehr heftig. Medi schaute ihn an und sagte: “Ich bin nicht schwanger!”
“Ich schlage keine schwangeren Frauen, aber nichtschwangere Männer.”, meinte darauf der Anführer der Rockerbande. “Obwohl du atmest, als ob du kurz vorm kalben wärst.”
“Nicht hauen. Ich war es doch gar nicht gewesen.”
“Ja, aber du kennst den Typen, der es getan  hat, oder?”
“Och, kennen... naja wir sind uns mal begegnet, haben ein paar Konferenzen abgehalten und fahren jetzt zusammen Zelten... also kennen... ja...pffff... flüchtig vielleicht.”
“Nehmt ihr uns nun ein Stück mit oder nicht?”, schaltete sich Medi ins Gespräch und erntete fragende Blicke sowohl von Stefan als auch den Rockern.
“Sag mal hat die getrunken oder irgendwas eingeschmissen?”
“Nein. Doch nicht mit dem ungeborenen Kind im Bauch.”, entrüstete sich Stefan über diese Frage.
“Ich bin nicht schwanger, aber pullern müsste ich mal.”
“Bist du sicher.”
“Ja klar bin ich sicher.”
“Aber der Jo hat doch gesagt...”
“Der Jo hat davon ungefähr so viel Ahnung, wie der Hahn vom Eierlegen. Ich hab mir einfach nur die Blase verkühlt. Wenn du jetzt noch einmal behauptest, ich wäre schwanger, dann hau ICH dir noch vor dem Typen hier ein paar in die Fresse.”
“Medi?! Denk ans weibliche Prinzip!” Stefan war schockiert.
“Ruhe. Hier geht es um meinen Spiegel. Dürfte ich das freundlicherweise nochmal in Erinnerung bringen.”
“Ähm, wenn ich mal kurz dürfte.”, fing plötzlich ein weiteres Mitglied der Rockergang an, “Das passiert schnell mit der falschen Kleidung auf dem Motorrad. Damit ich nicht zu scherzen.”
"Was?" Der Boss der Gang blickte leicht verstört.
"Na Blasenentzündung!"
“Ja mir geht das auch so.”
“Viel trinken und vorallem den Urin nicht zurückhalten. Einfach sofort Wasserlassen, wenn der Drang da ist. Das ist wichtig.”
Immer mehr der Rocker schalteten sich in das Gespräch ein und überraschten mit umfangreichen medizinischen Wissen.
“Schwarzen Tee und Kaffe sollte man meiden.”
“Und kein Alkohol.”
“Gegen die Schmerzen hilft Bärentraubenblättertee.”
“Und die Füße warm halten.”
"Kürbiskerne bei Blasenschwäche."
Eine rege Diskussion über Blasenprobleme kam so  unter den Gangmitgliedern auf.
“Jungs? Was soll das?” Völlig verständnislos blickte der Chef seine Gangmitglieder an und zu Medi blickend, sagte er: ”Was hast du aus meinen Jungs gemacht.” Doch diese erklärte ihm, dass es doch gut sei mal den harten Kerl beiseite und die weibliche Seite rauszulassen. Der Spiegel war bald vergessen. Man unterhielt sich angeregt über Kräutertees, Entspannungstraining und alternative Heilmethode.
“Aha du meinst also Arnika D12 hilft bei Prellungen nach einer ordentlichen Schlägerei.”
"Ja wenn du zusätzlich noch Eis drauflegst..."

“Jungs, ich glaub die verfolgen uns nicht weiter.”, Jo hielt vollkommen außer Atem an. Micha, Ben und Jonathan der Barde stoppten ebenfalls.
“Wir haben Verluste zu beklagen. Medi und Stefan sind nicht hier.”, stellte Micha fest.
“Falls wer fragen sollte, wir haben alles esomögliche getan, um ihnen zu helfen. Ok?”
Jo blickte seine Freunde an und Ben, heftig atmend, meinte: “Ja ich hab mindestens 100 Wünsche ans Universum geschickt beim Laufen.”
“Wer macht jetzt eigentlich die Meditationen auf dem Fest?”, fragte Jo.
“Hast Du etwa immer noch Hoffnung, dass wir je da ankommen werden. Du bist echt so was von naiv.” Micha fing an wieder mit den Kopf zu schütteln.
“Jetzt hör aber auf. Wenn Du die Gitarre nicht weggeworfen hättest, dann wären wir alle noch zusammen.”
“Und hätten trotzdem kein Fahrzeug. Der Terrorbarde musste sich ja unbedingt freigeistig an dem Bus auslassen.”
“Wir könnten ja Fliegen. Ich darf ja jetzt Jumbojets steuern. Steht auf meinem neuen Führerschein.”, war Ben überzeugt und Jonathan der Barde bestätigte dies mit einem ausdauernden und schnellen Nicken.
“Warum hab ich eigentlich keinen neuen Führerschein bekommen.”, monierte Jo. “Ich bin immerhin keltisch bekennender Druide, Ehrenkrampfer von Germania, Mitglied im Bodybuilderclub ‘Anna Bolika’...” Er blätterte dabei den Stapel Scheckkarten aus seinem Portemonnaie  durch und zählte alles auf: “... Mitglied bei ‘Esos gegen die Vernunft’, Strohdachverband der vereinigten Selbstverwalter, Freie Energiegruppe Worpswede...”
Mitten in diesen Stapel hatte sich eine Visitenkarte eingeschlichen auf der “Peter Fitzek” stand. Darunter durchgestrichen Koch, weiter durchgestrichen Videothekenbesitzer, darunter wieder durchgestrichen Vereinsvorsitzender und mit schwarzen Edding über alles geschrieben Oberster Souverän.
“Vielleicht sollten wir den Peter mal anrufen.”, fragte Jo als er die Karte in der Hand hielt.
“Und was soll der bitteschön machen?” Micha schaute Jo etwas ratlos an.
“Naja, der hat Einfluss, kennt viele Leute. Hat nen Draht zum Schöpfer. Ein Versuch wäre es wert.”
“Dann mach. Obwohl ja Außenpolitik eher in mein Ressort fällt.”, sagte Micha.
“Sicherheitspolitik auch! Und was hast du gemacht? Nen Angriffskrieg losgetreten und eine Gruppe von Motorradliebhabern mit Musikinstrumenten bombardiert.”, antwortete Jo und wählte die Nummer des Königs in spe. Nach kurzen Rufzeichen, meldete sich die Mailbox. Ein monumentales “Halleluja...” ertönte, wurde leiser und Peter fing an zu sprechen:
“Hallo. Hier ist der königliche Anschluss  des obersten Souveränen des Königreiches Deutschland. Leider bin ich derzeit nicht persönlich zu erreichen, da ich wahrscheinlich eine neue Verfassung schreibe oder eine neue vereinte Nation gründe. Bitte hinterlasse deine Nachricht nach meinem Vortrag über das Völkerrecht...”
“Das könnt jetzt etwas dauern. Ist nur die Mailbox.”
“Warte mal kurz.”, meinte darauf Micha, holte einen Bündel Euroscheine aus seiner Tasche und wedelte damit vor dem Telefonhörer.
“Klick... Knack... Peter Fitzek hier. Sie wollen spenden und mich...ähm uns unterstützen.”
"Wusste ich es doch." Micha war stolz. "Das funktioniert bei jedem von uns."
“Ja hallo Peter ist der Jo.”
“Achso du..ähmm hallo Jo.” Man spürte förmlich die Enttäuschung des Obersten Souverän durch das Telefon. “Du, Jo, ich hab jetzt gar keine Zeit. Die stehen hier Schlange, weil sie ihr Geld auf der Königlichen Reichsbank anlegen wollen. Hier ist die Hölle los.”
Peter hielt den Hörer etwas von seinem Mund weg und redete mit verstellter Stimme: “Guten Tag. Ich würde gern einen größeren Betrag bei Ihnen anlegen.”
“Peter ich höre, dass du das bist!”
“Ha. Bösartige Unterstellungen sind das. Ich habe hier tausende von Sparbüchern...”
“Ja is klar Peter. Du, wir brauchen deine Hilfe. Wir sitzen hier fest. Der Werkschutz der BRiD GmbH hat uns unser Auto geklaut, wir wurden von bezahlten Schergen des Staates gejagt, Medi und Stefan sind für Vaterland und Mutter Erde gefallen und wir müssen so schnell wie möglich nach Alsfeld zum Sommerfest.”
“Bin ich ein Busunternehmen oder was? Du bist doch Taxifahrer.”
Peter verstand den Sinn des Anrufes nicht, was man ihm wohl auch nicht verübeln konnte.
“Ich dachte ja nur...”, meinte Jo “... es gibt ja soviel in deinem Königreich. Und bei deinem Verkehrsministerium steht ja ‘...Zudem werden die öffentlichen Verkehrsmittel ausgebaut und preiswert oder kostenlos für alle zur Verfügung gestellt...’ . Wie weit seid ihr denn damit?”
“Das gilt doch nur für’s Königreich. Das ist das Tretauto vom Andreas, welches zwischen Pförtnerhäusel, Reichstechnologiezentrum und Staatskanzlei pendelt. Der Andreas hat auch schon an einen alten Tresor Räder geschweißt. Den hängen wir dann noch dran. Dann haben wir einen Geldtransporter und können so das viele Geld von der Reichsbank in Wittenberg zu mir nach Hause fahren. Linienverkehr nach Alsfeld ist noch in Planung.”
“Frag ihn doch, ob er einen Jumbojet rumliegen hat.”, rief Ben. “Einen Piloten brauchen wir nicht. Ich kann den fliegen.” Stolz wedelte er wieder mit seinem neuen Führerschein.
“Warum sagt ihr euren Leuten nicht einfach, dass ihr nicht könnt und die feiern dann eben ohne euch.”, fragte Peter. Jo wurde bleich.
“Um Himmels Willen, das geht gar nicht. Dann merken die am Ende noch, dass die uns gar nicht brauchen und wir vollkommen nutzlos sind. Du weißt doch wie das läuft. Wir lassen das alles irgendwie laufen und hinterher behaupten wir dann, wir hätten uns total verausgabt bei der Organisation und eine Belohnung verdient.”
“Dann holt euch euer Auto zurück. Beruft euch auf internationales Recht und sagt denen, dass es Diebstahl ist. Wenn die nicht hören wollen, dann müsst ihr sie verhaften. Ganz einfach.”
“Ich kann doch nicht ins Polizeirevier gehen und Polizisten verhaften. Wie stellst du dir das vor. Weißt du wie viele da drin sind. Die haben Handschellen und Uniformen...hmm...obwohl...”
Jo überlegte kurz. “Neee das geht nicht.”
“Das hab ich doch auch gemacht.”
“Bei dir war es eine Sachbearbeiterin im Rathaus. Du gegen eine Frau. Wir gegen viele Männer mit Pistolen.”
“Na und. Ich alleine. Ihr zu mehreren.”
“Ja und? Du hast ja auch nicht gerade gewonnen, oder? Das bringt doch nichts. Ich rede doch immer nur. Die Aktionen überlasse ich den anderen.”
“Siehst du! Das unterscheidet uns. Ich handle. Jeden Tag, ne gute Tat. Für Frieden, Licht und Liebe, seid bereit.”
“Immer bereit.”, hörte man im Hintergrund rufen.
“Vorwärts Neudeutsche Jugend, für ein esoterisches Vaterland.”
Im Hintergrund hörte man Gesang: “Bau auf, bau auf, bau auf, bau auf, Neudeutsche Jugend bau auf. Für eine esoterische Zukunft, ohne Sinn und Verstand...”
“Die hast du ja gut im Griff. Deine jungen Leute da.”
“Klar. Das sind die Schöpfungsgesetze. Ich schöpfe ab, was geht und wer Fragen stellt wird vor die Tür gesetzt. Außerdem halte ich sie fern von diesen ganzen negativen Einflüssen. Dieser ganze Schweinskram. Das geht ja schon in der Grundschule los mit pornografischen Büchern.”
“Achso, du meinst das Kinderbuch.”
“Kinderbuch? Das war übelste Pornografie! Da standen Dinge drin, die habe ich noch nicht mal gewusst und dann noch mit Bildern. Zum Glück hat der Martin das Buch fotografiert. Er hat sich die Last aufgeladen, dass ganze zu analysieren und schließt sich jeden Abend mit den Fotos in seinem Zimmer ein, damit er einen ausführlichen Bericht schreiben kann. Das ist eine sehr schwere Aufgabe, die ihm nicht einfach fällt und sich schon Monate hinzieht. Ich höre ihn schmerzvoll stöhnen, während er sich die Fotos ansehen muss.”
“Ja, Peter, die Frühsexualisierung ist sehr schlimm. Das ist aber von oben gewollt, damit die Kinder den Eltern Dinge erzählen und die Eltern, voller Scham darüber, nie wieder mit ihren Kindern sprechen. Das soll die deutsche Familie zerstören.”
 “So ist es, Jo. Die Pubertät tritt dadurch auch immer früher ein, damit die Kinder schneller erwachsen werden und eher ihren Sklavendienst antreten können. Die schauen sich das Buch an und schwupp, schon menstruieren sie. Und einen Tag später sind sie schwanger. Durch die Reihe weg. Die Jungen und die Mädels.”
“Ja so ist es.  Wir müssen darüber mal eine Sendung machen. Aber im Moment haben wir andere Sorgen. Kannst du eventuell beim Schöpfer mal nachfragen, ob er uns Hilfe schicken kann? Du als Auserwählter, als der Verhüter der Schöpfungsgesetze...”
“Könnte ich, aber nur für Vereinsmitglieder, ich meine Staatsbürger des Königreiches. Warst du schon beim Seminar?”
Nachdem Jo sich verbindlich für das nächste Seminar angemeldet hatte und versprach die Seminargebühren in der nächsten Woche zu überweisen, versprach seine Durchtriebenheit beim Schöpfer ein gutes Wort für die Vier einzulegen. Doch hatte es Peter plötzlich ziemlich eilig.
"Jo, ich muss Schluss machen.", sagte er ganz aufgeregt. "Das Königreich wird wieder überfallen. Hundertschaften der BRD GmbH fallen hier ein. Ich muss mein Land verteidigen. Tschüß Jo." Doch legte er nicht gleich auf und so konnte man im Hintergrund noch mithören.
"Nix Hundertschaften. Ich bin allein. Krabowski mein Name. Gerichtsvollzieher. Ich bin hier wegen der Rechnung vom Kostümverleih. Die ist nun schon fast ein Jahr überfällig. Es geht um eine Krone, ein rotes Königsgewand, ein altes Buch  und ein Schwert..." Dann legte Jo auf, war zufrieden und sprach: „Das hat sich doch gelohnt. Wusst ich es doch. Hilfe naht.“

Fortsetzung folgt... und zwar genau hier!

Freitag, 26. Juli 2013

Der Aufbruch zum Sommerfest - Kapitel I

Die Fahrt beginnt

Es ist noch sehr früh am Morgen. Die Sonne kämpft sich langsam über den Horizont. Die Luft ist klar. Es wurde wohl kaum gesprüht in der Nacht, denn der Himmel ist frei von Streifen und Schlieren. Jo und Micha, die eben auf der kleinen Autobahnraststätte angekommen waren, begrüßten Stefan.

“Hallo Stefan. Wie war die Fahrt?”
“Ja ganz angenehm. Wo ist denn Ben?”, fragte Stefan.
“Der muss jeden Augenblick hier sein.”, antwortete Jo, “Wo ist Medi?”
“Auf dem Klo. Die muss schon andauernd den ganzen Tag. Ist wohl die Aufregung.”
“Ich hoffe nur, Ben hat einen Wagen besorgt, mit dem wir Alsfeld heute noch erreichen. Verstehe eh nicht, warum wir nicht alle selber dahin fahren können.”
Micha war nicht besonders begeistert von der ganzen Sache und fand die Idee mit dem Sommerfest von Anfang an schlecht. Was aber wohl eher noch an der Tatsache lag, das er den Eindruck hat, die Anderen nehmen ihn nicht ernst. Er, der große Vordenker, dessen Beschlüsse GRS erst möglich gemacht haben. Aber wie schon die Burschenschaften, so auch die Esoteriker - keiner zeigt auch nur ein bisschen Interesse daran. Wobei seine Burschenschaftskameraden noch so ehrlich waren, ihm das ins Gesicht zu sagen. Die Osram-Durex-Front hingegen ignorierte ihn einfach und diskutierte lieber über blinkende Lämpchen, Kobolde und allerlei Kinderkram, als sich der Umsetzung seiner genialen Ideen zu widmen. Jo, Medi und Stefan waren einfach die falschen Leute dafür. Er hätte nie auf seine Frau hören sollen. Er hätte es besser wissen müssen, denn immerhin waren ihre Vorhersagen zum Thema Gold auch nicht sonderlich treffsicher. Neue Käufer für seine Bücher würde er bekommen. Leute denen man alles andrehen kann. Sie muss sich ja nicht mit diesen Leuten herum ärgern und diese den ganzen Tag ertragen.
“Wir wollen da gemeinsam ankommen. Ganz groß als die Gründer. Praktisch als Vorbild. Wir die Organisatoren, wir gehören zusammen. Gemeinsam gehen wir durch Dünn bis Mager. Das hat Symbolwert.”

Plötzlich wurde Jo in seiner Selbstbeweihräucherung je unterbrochen. Mit lautem Knallen und Krachen bog ein alter bunt bemalter VW-Bus um die Ecke. Dieser hatte seine besten Jahre bereits hinter sich. Die Stoßstange hing halb herunter, der Auspuff klapperte und der Rost nagte sich von unten langsam Richtung Dach. Am Steuer saß der GRS Goldjunge Ben, winkte den Anderen schon von weiten zu und rief durch das geöffnete Seitenfenster.

“Na liebe Aufbrüchler, was sagt ihr. Ist das nicht ein super Gefährt?”
Er hatte eine kleine Deutschlandfahne umgedreht an die Seitenscheibe geklebt, die sich aber bereits wieder abzulösen begann. Seine dicke Goldkette und die zahlreichen goldenen Armreifen glitzerten in der Morgensonne.
“Das ist jetzt nicht euer Ernst, oder?”, sagte Micha und verzog das Gesicht. Er drehte sich zu Jo und wirkte verärgert.
“Hätten wir nicht dein Taxi nehmen können? Da steige ich garantiert nicht ein.”
“Och, Micha. Nu hab dich doch nicht so.”
“Ja genau Micha. Ich finde das Auto toll.” Medi, die gerade vom Klo kam, begann im Kreis zu tanzen und meinte weiter: “Das hat so was Hippiemäßiges. Licht und Liebe - das eine bunt, das andere frei. Den ganzen Tag rumliegen und dabei gegen das Establishment protestieren und darauf hoffen, dass sich alles von selbst organisiert und die Dummen schon die ganze Arbeit machen. Jeder darf sich über alles auslassen - auch von den Sachen, von denen er überhaupt keine Ahnung hat - und alle halten es für total intelligent. Das passt super zu uns. Vielleicht findet sich ja im Handschuhfach noch etwas um unser Bewusstsein zu erweitern. Los Stefan, lass dir die Haare wachsen. Chrrrrr.”
Sie nahm Stefan an die Hand und beide tanzten zusammen um den Bus.
“Ich glaub es einfach nicht. Ich will meine Burschen zurück. Unsere Haare waren geschnitten. Wenn wir von Liebe sprachen, dann von der Liebe zum Vaterland. Unser Tanz war die Mensur. Ja Ehre, Freiheit und Vaterland, das sind Werte für die es sich lohnt zu kämpfen. Warum habt ihr mich nur verstoßen, meine Burschen.”
Micha standen fast die Tränen in den Augen. Jo legte die Hand auf seine Schulter und meinte: “Vielleicht kannst du ja deine Burschen noch zum Sommerfest einladen. Ich würde mich freuen. Wenn es dich tröstet, wir können ja zusammen in einem Zelt schlafen.”
“Niemals! Da schlafe ich lieber unter freien Himmel.”

Trotz Murren und Meckern, stieg Micha dann doch noch mit in den Bus, in dem hinten zur Überraschung aller Jonathan der Barde saß und grinsend mit Gitarre und “Nanana” die vier begrüßte.

“Oh, das ist ja schön. Da können wir auf der Fahrt die größten Hits des Aufbruchstadels singen.”
Stefan freute sich wie ein kleines Kind. Auch Medi war begeistert und fing an mit den Händen über den Kopf und leicht schwankend ins “Nanana” einzustimmen. Jo nahm neben Ben Platz, holte seine Kamera raus und filmte das Ganze.
“Das muss unbedingt für die Nachwelt aufgezeichnet werden. Hier passiert mal wieder Großes. Ich habe ein Gespür für so was.”
Mit Knirschen und Knacken legte Ben den Gang ein, trat das Gas und langsam, aber stetig schneller werdend, setzte sich das Hippiegefährt in Bewegung. Begleitet wurde der Aufbruch des Aufbruchs weiterhin durch den Gesang und das Gitarrenspiel von Jonathan dem Barden. Stefan stimmte ebenfalls mit ein, Jo legte die Kamera weg und fing an zu Klatschen. Micha schüttelte ständig mit dem Kopf und Medi rief unter Tränen die ganze Zeit: “Das ist so toll! Ihr seid so toll! Ich spüre diese positiven Energien. Das weibliche Prinzip arbeitet im Hintergrund. Lasst es einfach laufen und egal was hinten rauskommt, wir erklären es im Nachhinein zu unserem Ziel. Wir sind Aufbruch. Danke. Danke. Danke.” Sie bogen auf die Autobahn ab und die Fahrt nach Alsfeld begann.

“Halt! Stopp! Sofort anhalten!”, rief Medi plötzlich. Ben trat erschrocken auf die Bremse und Jonathan der Barde wurde mitten in seinem “Nanana” nach vorn geschleudert und gegen die Frontscheibe gedrückt, so dass es von außen aussah, wie ein Wels an der Scheibe im heimischen Aquarium. Er wollte sich nicht anschnallen, da er als FIP - Freie interterritoriale Person - und im Besitz einer selbstgebastelten Terrania-ID-Karte jegliche staatliche Reglementierung - zu der das Anschnallen ebenso gehörte, wie auch das Betreten einer Rasenfläche, wenn dies ausdrücklich als verboten gekennzeichnet war - ablehnte.

Die nachfolgenden Autos fuhren mit lautem Hupen vorbei und Ben lenkte den Bus auf den Standstreifen.
“Was ist denn Los Medi?”, fragte Jo.
“Das weibliche Prinzip meldet sich.”, antwortete Medi und machte dabei ein angestrengtes Gesicht.
“Oh. Ich glaube, sie hat eine Eingebung. Sprich sie aus und teile sie mit uns!” Stefan schaute - wie der Rest der skurrilen Truppe - erwartungsvoll zu Medi.
“Nein, nicht so was. Ich muss einfach nur für kleine Erwachte und das kurz nachdem wir losgefahren sind.” Die neugierigen Blicke verschwanden und mit einem gemeinschaftlichen “Achsooooo...du meinst das kindliche Prinzip!”, lehnten sich alle wieder in ihrem Sitz zurück..
"Ist doch egal. Auf alle Fälle ist es prinzipiell sehr dringend, ich muss es unbedingt laufen lassen und weiß vorher nicht wieviel oder ob überhaupt was rauskommt. Passt doch. Das ist unser weibliches Prinzip. " Medi stieg schnell aus dem Bus und hockte sich dahinter an den Straßenrand.
“Aber nicht gucken!”, hörte man noch bevor ein sanftes Zischen, gefolgt von lauten Plätschern einsetzte.
“Also ich weiß ja nicht, wie es euch geht.”, sagte Jo plötzlich, “Aber wie allgemein bekannt ist, kenne ich mich ja sehr gut mit Frauen aus. Könnte durchaus sein, dass bei Medi Großes passiert ist.”
“Nein Jo. Nicht groß! Klein! Sie muss pullern.” Micha war immer noch genervt von der ganzen Sache und wollte endlich diesen Trip hinter sich bringen. Er verfiel wieder tief in Gedanken.
Kameraden hatte ich früher, als junger Burschenschaftler damals zusammen mit den anderen am Lagerfeuer. Studentenlieder, altes deutsches Liedgut, anstelle dieses Nanana. Da waren wir noch Männer. Da konnten wir noch Männer sein. Kein rum gedrücke und ich liebe euch ja so. Da ging es noch zur Sache. Ich damals in der schlagenden Verbindung mit meinen Degen. Das hatte noch Größe.
“Wie klein?”, fragte Jo.
“Wie? Was?”
Nun schauten sich beide fragend an, doch ging Jo in diesem Moment ein Licht auf und er verstand was Micha meinte.
”Ach so, nein, das meine ich nicht, sondern vielleicht ist sie ja schwanger. Schwangere müssen doch auch ständig auf’s Klo.”
“Ähmm, was hast du gesagt, Jo?”, schaltete sich plötzlich Stefan ins Gespräch ein und wirkte etwas erschrocken. Doch bevor er weiter reden konnte, hörte man von draußen Medi rufen.
“Ich höre euch. Ich bin nicht schwanger. Und wenn, dann nur schwanger mit der neuen Zeit, welche von den intelligenten Menschen des Aufbruchs gezeugt wurde.”
“Intelligente Menschen? Dann ist es nicht von Dir, Stefan.”, grinste Ben und Stefan erwiderte “Hahaha, du musst reden. Aber mal ehrlich, ich wüsste jetzt auf Anhieb keinen von uns, auf den das zutreffen würde. Oder kennt Ihr da jemanden.”
“Öhm, naja, ööööhh...”, stotterten alle im Chor. Inzwischen aber war Medi fertig, stieg ein und die Fahrt ging weiter. Alle stimmten wieder ins “Nanana” ein. Nur Micha, der nur mit dem Kopf schüttelte und Stefan nicht. Der war plötzlich ganz still und schaute Medi die ganze Zeit von der Seite an.

“Sag mal Jo, wieviel ist jetzt eigentlich übrig geblieben von den Einnahmen der Konferenzen.”, fragte Micha schnell noch bevor Jonathan der Barde die 100. Strophe seines Liedes beginnen konnte. Jo zuckte etwas zusammen und begann mit leichten Stottern zu antworten.

“Ähmm...naja..also..ähhm...da wären die Kosten der Halle mit...ööööööhmmm... jaaa... tausende Euros so ungefähr...ähmmm und dann ist das ja noch nicht alles. Versicherungen...ähhh... und Fahrtkosten um das mit der Halle zu klären und die Daggi ist auch nicht umsonst gekommen und dann noch das Klopapier...ja genau.” Sein Gesicht lockerte sich etwas auf, er hob den Zeigefinger und sprach weiter. “Ich sag euch, die Kosten des Klopapieres, dass könnt ihr euch gar nicht vorstellen...das wird ja immer total unterschätzt. Überlegt mal, was da auf der Konferenz für’n Scheiß... also so produziert wurde und da sind tausende von Rollen und so zusammengekommen...ähmm..und die wurden ja auch einzeln abgerechnet und klar man hätte sagen können, jeder bringt sein eigenes Papier mit...ähm.. aber dann hätten das ja bestimmt welche vergessen und man hätte noch mal zum Netto gemusst und welches holen...und das hätte dann wieder Kosten verursacht für Sprit und so.”
Jo fuchtelte wild mit den Armen und Micha, der seine Frage wohl schon bereute, beruhigte ihn.
“Ist ja egal Jo. Ganz ruhig.”
“Ja ich könnte das ja jetzt addieren und müsste dann auch noch subtrahieren und alles abziehen. Dann wären da noch welche die nur einen Tag und andere die beide Tage und dann noch Rabatt für die, die alle Tage... und Rücklagen brauchen wir ja auch.”
“Jo, ist gut. Sag mir es einfach, wenn du es ausgerechnet hast. Irgendwann.”

Plötzlich hörte man hinter dem Wagen das Aufheulen einer Sirene und ein Polizeiauto überholte den Bus, setzte sich vor sie und winkte mit der Kelle. Sie fuhren hinter dem Streifenwagen auf den nächsten Parkplatz und hielten da an. Jo war ganz aufgeregt wegen der Uniformen und meinte: “Ich habe es geahnt. Das ist staatliche Willkür. Sie wollen uns aufhalten, uns unter Druck setzen und einschüchtern. Bleibt einfach ganz ruhig und überlasst mir das Reden. Die haben Angst vor uns. Nur deswegen.”

Der Polizist stellte sich neben die Fahrertür, Ben ließ die Scheibe herunter und Jo rief gleich vom Beifahrersitz den Polizisten entgegen.
“Sie müssen das hier nicht tun...”.
Dieser schaute nur kurz zu Jo, ignorierte ihn dann und wandte sich gleich an Ben.
“Guten Tag. Wachmeister Schmidt. Ihren Führerschein und die Fahrzeugpapiere bitte.”
“Gibt es ein Problem?”, fragte Ben und kramte in seiner Tasche auf der Suche nach den Papieren.
“Ja! Ihre Nummerschilder sind das Problem. Haben Sie diese selbst gemalt?”
Plötzlich stürzte Jonathan der Barde vom Rücksitz nach vorn und rief:
“Die habe ich gemacht. Das ist die Terrania-ID von Ben. Die Nummer können Sie auf meiner Homepage finden und dann mit Ben Kontakt aufnehmen.” Sich Ben zuwendend sprach er weiter: “Deinen Führerschein hab ich auch schon heimlich getauscht. Du bist jetzt stolzer Besitzer des Terrania-Führscheines und darfst sogar Jumbojets fliegen. Sollte eigentlich ne Überraschung werden.”
Er wirkte richtig stolz, als er dies sagte und erwartete wohl die Anerkennung seiner Freunde dafür. Doch diese schauten sich nur fragend an. Jo versuchte die Situation zu retten.
“Wir können das sicher alles friedlich klären. Vielleicht erstmal eine kurze Meditation? Medi, kannst du mal das mit den durch die Füße atmen machen? Nur damit alle erstmal etwas Zugang zur Mutter Erde finden.”
“Steigen sie erstmal alle aus.”, sagte der Polizist.
“Gute Idee. Ich muss eh pullern.”, freute sich Medi und verschwand hinter dem Bus. Der Rest sammelte sich um den Wachmeister und fing an zu diskutieren, als plötzlich Jonathan der Barde mit der Gitarre in der Hand und einem lauten “Nananana” auf den Lippen die Gruppe tanzend umrundete. Micha fing wieder an mit Kopf zu schütteln und murmelte nur vor sich hin: “Doktor bin ich und Professor, früher hatte ich Kameraden und jetzt hab ich nur noch das hier.”
Der Rest fasste sich an den Händen und fing an im Kreis um den Polizisten zu tanzen und laut “Nanana” mitzusingen. Dieser zog die Stirn in Falten und winkte seinen Kollegen ran.
“Ich glaub, wir machen jetzt erstmal einen Alkohol- und Drogentest bei allen.”

Fortsetzung folgt... und zwar genau hier!